Leiden eines Bettnässers
Ich war ein Bettnässer. Meine Eltern und ich litten mit der Zeit
sehr darunter. Wir waren alle ratlos, als «es» mit fünf,
sechs Jahren nicht aufhören wollte. Meine Eltern zeigten sich stets
voll und ganz davon überzeugt, dass ich daran keine Schuld hätte;
Bestrafung kam also nie in Frage. Genau so ratlos schien aber auch die
ganze Ärzteschar zu sein. Lange wurden keine Behandlungsversuche
unternommen, bis ich einmal mit etwa acht Jahren aus unerfindlichen Gründen
einem renommierten Berner Chirurgen vorgeführt wurde, den man meinen
Eltern empfohlen hatte. Seine Ratlosigkeit und Inkompetenz auf diesem
Gebiet wurde selbst dem kleinen Patienten klar. Der gestrenge Doktor geruhte,
mit mir kein Wort zu sprechen und orientierte in meiner Gegenwart die
Eltern, das Leiden werde am besten mit Kochsalzspritzen behandelt, die
schmerzhaft seien und mich dafür die üblen Gewohnheit aufgeben
liesse. Vergeblich wies mein Vater, von Mutter kräftig unterstützt,
darauf hin, wie sehr ich unter der ganzen Sache litt; der Medizinmann
hatte nur ein ungläubiges Achselzucken für die laienhafte Ansicht.
Die Spritzen bekam ich gottseidank nicht. Meinen Eltern gebührt das
Lob, den unangebrachten Strafcharakter dieser Therapie erkannt zu haben.
Auf seinem engeren Fachgebiet setzte sich der Chirurg dann aber doch durch,
indem er die Indikation für einen kleineren chirurgischen Eingriff
stellte. Dagegen konnte nun ohne medizinische Kenntnisse nichts eingewendet
werden.
Die Operation fand statt. Entgegen der vom Arzt gehegten Meinung trug
sie aber gar nichts zur Heilung des Bettnässens bei, das erst drei
Jahre später verschwand.
Auf dem Operationstisch fühlte ich mich richtig ausgeliefert; angebunden
wie das Bleichgesicht am indianischen Marterpfahl. Tiefenpsychologisch
wäre es wohl ein Fall, bei dem der Knabe vom bösen Mann kastriert
wird, während sich die Eltern, denen die Psychoanalyse solche Absichten
in die Schuhe schiebt, hier aus meiner damaligen wie auch aus heutiger
Sicht in keiner Weise Mitschuld vorzuwerfen hatten. Ihre entschiedene
Opposition gegen die Strafbehandlung mit Spritzen hatte mein Vertrauen
in sie noch wesentlich gestärkt. Zum Widerpart wurde damit der Arzt.
Ob es wohl darauf zurückzuführen ist, dass meine Wunde aufgrund
einer hartnäckigen Infektion lange nicht heilen wollte?
Die Lehranalyse, der ich mich mehr als zwanzig Jahre später auslieferte,
vermochte nicht zu erhellen, ob dieses Ereignis einen bleibenden Komplex
erzeugt hätte, und vermutlich danke ich diese erfolgreiche Verarbeitung
einer geglückten Selbsthilfe, zu der ich intuitiv dem bösen
Operateur gegenüber griff. Der erwähnten Komplikation wegen
erschien er einmal gar an einem Sonntag zu Besuch. Bei dieser Gelegenheit
erklärte ich ihm strahlend (und wurde mir erst nachträglich
der Frechheit bewusst), er sehe in seinem gestreiften schwarzen Anzug
aus wie der Zirkusdirektor, der mit seinem kleinen Betrieb unter freiem
Himmel einige Wochen zuvor in unserer Nachbarschaft sein Programm präsentiert
hatte.
Der Doktor reagierte mit unbeweglicher Miene, meine Mutter erschrak sichtlich
ob meiner Kühnheit, freute sich aber nachher noch lange darüber.
Damit war für mich das Kapitel des bösen Chirurgen abgeschlossen,
meine Wunde heilte bald zu allgemeiner Zufriedenheit - das Wirken des
Mannes mit dem Messer hatte mein seelisches Gleichgewicht nicht nachhaltig
zu erschüttern vermocht.
Auch hatte ich ihm nicht erlaubt, mit der Heilung meines nächtlichen
Leidens einen persönlichen Erfolg zu buchen. Man hielt sich fortan
in dieser Sache von den Ärzten fern und nahm Zuflucht zu «natürlichen»
Methoden. Unter anderem wurde empfohlen (und während Wochen durchgeführt),
dass ich mit meinen mittlerweile bald 11 Jahren jeden Abend ein Glas Rotwein
zu einem grossen Butterbrot zu trinken hätte. Auch diese Kur brachte
nichts, störte mich aber nicht und vermochte keinerlei Prägung
in Bezug auf späteres Suchtverhalten auszuüben. Unmittelbar
darauf geriet ich in vorübergehende Betreuung durch eine gute Frau
im gleichen Hause, die mich regelmässig zu sich bat und mir versicherte,
sie arbeite für mich, weil ja Jesus nicht wolle, dass ich meine Blase
nicht kontrollieren könne. Als auch dies nichts nützte, trat
der Psychiater auf den Plan.
Auch der Psychiater kann nicht helfen
Ich weiss nicht, woher meine Eltern den für unseren Wissensstand
ungewöhnlichen Rat bekamen, mich Dr. C.G. Tauber vorzuführen.
Wie ich später lernte, war dieser Psychiater mit den Initialen des
berühmten C.G. Jung in Bern sehr bekannt. Er betreute neben seiner
Praxis eine kleine Privatklinik. Dass er sich speziell mit Kinderpsychiatrie
abgegeben hätte, wäre mir auch später nie bekannt geworden.
Da aber die Ärzte bei mir versagt hatten, versuchte man es jetzt
mit dem Psychiater - diese Unterscheidung, so falsch sie ist, wurde auch
in meiner Familie gemacht. Man war sich bewusst, dass dieser Mann «nur»
mit mir sprechen würde, also kaum Schaden stiften konnte und deshalb
für mich keine Belastung wäre.
So kam ich zum Psychiater. Das Erlebnis war in keiner Weise unangenehm.
Vom Charakter dieser Praxis hatte ich keine Vorstellung und damit auch
kein Vorurteil. Wohl fielen mir im Wartezimmer Menschen auf, die ich als
sonderbar empfand - so hatte ich mich jedenfalls daheim geäussert,
wie ich später vernahm, doch störte mich dies nicht. Ich glaube,
ich habe nie realisiert, dass ich bei einem Psychiater war, und dass es
um die Behandlung der Seele ging. Das Gedicht vom Clown Al-fredo brachte
ich mit der Situation merkwürdigerweise nicht in Zusammenhang.
Der Arzt trug einen dunklen Anzug, aber bei ihm wäre ich nie auf
die Idee gekommen, ihn mit dem Zirkusdirektor zu vergleichen. Er wirkte
dezent, war leutselig und offen zu mir, hörte mir geduldig zu, blieb
aber stets etwas geheimnisvoll und letztlich undurchsichtig. Auch nach
mehreren Sitzungen wurde mir, ähnlich wie vorher bei der frommen
Nachbarin, nicht klar, was eigentlich geschah.
Einmal nahm er ein Rorschachprotokoll auf. Daran konnte ich mich auch
mehr als zehn Jahre später erinnern, als ich erstmals Literatur über
dieses psychodiagnostische Testverfahren in die Hand bekam. Im übrigen
gab es bei ihm keine gefährlichen Instrumente, denen man misstrauen
musste, und seine ganze Haltung schloss eindeutig üble Absichten
aus.
Indessen vermochte auch diese eher kurz dauernde Behandlung nichts zu
ändern. So viel ich weiss, wurde sie bald einmal auf Rat des Arztes
abgebrochen. Kurz darauf sollte ich nahezu eine Blitzheilung erleben.
Ein Ernst Bieri aus Laupen, von Beruf Mechaniker oder
Elektriker, vermietete einen elektrischen Weckapparat,
den er selbst entwickelt hatte. Eine schwache Spannung wurde nachts an
eine Betteinlage gesetzt. Beim ersten Tropfen Urin schloss sich der Kontakt
zu einem Wecker, der den Schläfer mit einem brutalen Ton unsanft
aus seinen Träumen riss und an die Pflicht zum Wasserlösen am
vorgesehenen Ort mahnte. Damit lernte ich rasch, die gestörte Funktion
zu beherrschen, und in wenigen Wochen war ich geheilt.